Botaniker der Universität Rostock sind von Fleischfressenden Pflanzen fasziniert

Entwicklung eines natürlichen, für Menschen nicht giftigen Insektizids

[ROSTOCK NACHRICHTEN, 16.01.2012] Fleischfressende Pflanzen seien nicht nur passiv duldend, sie könnten zum Jäger werden, Tiere fangen und sie fressen. Um sie rankten sich viele Legenden, sagt Prof. Dr. Stefan Porembski, Direktor des Botanischen Gartens und Lehrstuhlinhaber für Allgemeine und Spezielle Botanik an der Universität Rostock. Dieses Phänomen rege die Phantasie der Menschen an. Da gebe es noch viel zu forschen, beispielsweise, mit welchen parfümähnlichen Düften die Sinne der Opfer angeregt werden.
Die Rostocker Biologiestudentin Sarah Müller hat sich in ihrer „Bachelor“-Arbeit mit Fleischfressenden Pflanzen, konkret dem Lusitanischen Taublatt, befasst, das auf der iberischen Halbinsel und im Norden von Marokko wächst. In einem der drei „Loki-Schmidt-Gewächshäuser“ des Botanischen Gartens der Universität Rostock finde die Pflanze genau die Bedingungen, die ihren natürlichen Ansprüchen sehr nahe kämmen, betont Müller. Dort stimmten Licht, Feuchtigkeit und Temperatur. Genau das hat die 22-Jährige für ihre Forschung schätzen gelernt. So konnte sie untersuchen, welche Duftstoffe das Lusitanische Taublatt aussendet, um Insekten anzulocken und zu fressen. Die Blätter des Taublatts seien sogenannte Klebefallen; diese seien an den Blatträndern mit zwei verschiedenen Typen von Drüsen besetzt, erklärt die Studentin. Die rot gefärbten Fangdrüsen mit mehrzelligen Stielen scheiden ein klebriges Sekret aus, in dem sich die Insekten dann verfangen. Die Erkenntnisse der Rostocker Studentin könnten bei der Konstruktion von Insektenfallen zum Tragen kommen, blickt der Kustus des Botanischen Gartens, Dr. Dethardt Götze, voraus.

Foto: Universität Rostock, Presse und Kommunikation

Foto: Universität Rostock, Presse und Kommunikation

Biologiestudentin Sarah Müller und Gärtnermeister Chris Severin im neuen Gewächshaus des Botanischen Gartens

Genau das sei ihr Ziel, sagt Professor Porembski. Sie forschten auch an der Entwicklung eines natürlichen, für Menschen nicht giftigen Insektizids. Der Hochschullehrer nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass der Zuspruch der Studenten durch die neuen Gewächshäuser gestiegen ist. Die künftigen Biologen könnten sich erproben im Erklären und Effekte der Pflanzen für Besucher demonstrieren.
Seit der Eröffnung der „Loki-Schmidt-Gewächshäuser“ im Botanischen Garten Rostock vor knapp drei Jahren, denen die Frau des Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt als ausgewiesene Pflanzenkennerin und Züchterin zur Eröffnung ihren Namen schenkte, haben sich die Bedingungen für Forschung und Lehre in Rostock verbessert. Sie müssten die Pflanzen nicht mehr unter gedrängten Bedingungen im Topf zeigen. Jetzt lebten sie so wie in ihren Heimatländern, freut es den langjährigen Technischen Leiter, Bernd Springer.
In den neuen Gewächshäusern stehen etwa 400 tropische Nutz- und Regenwaldpflanzen, subtropische Arten aus verschiedenen Wüsten und Halbwüsten der Erde, und mediterraner Arten aus vier Kontinenten. Für ihre Anordnung hat der junge Gärtnermeister Chris Severin in seiner Meister-Arbeit, die er an der Agrarfachschule Güstrow im Vorjahr als Lehrgangsbester in Mecklenburg-Vorpommern beendete, Vorschläge erarbeitet – zum Beispiel, wie das 400 Quadratmeter große Tropenhaus möglichst naturnah angeordnet werden kann. So gliedert sich das Glashaus in die Bereiche tropische Nutzpflanzen, Wasserpflanzen, Bergregenwaldpflanzen und Aufsitzerpflanzen (Epiphyten). Letzteres war ein Schwerpunkt in Severins Arbeit. So wurden auf einer Robinie, die dafür im Botanischen Garten gefällt wurde, die Epiphyten befestigt.
Bei all dem Erfolg muss Professor Porembski bilanzieren, dass sie noch nicht den Standard hätten, den sie bräuchten. Planungen für weitere Gewächshäuser liegen bereits in der Schublade. Die tropischen Pflanzen von der Bananenstaude über die Ölpalme bis hin zu fleischfressenden Pflanzen wie eben das Lusitanische Taublatt finden aber schon mal beste Bedingungen. Jetzt hätten sie ein der Natur nachempfundenes künstliches Ökosystem. Etwas verloren hingegen stehen die vielen Kakteen und mediterrane Pflanzen. Für sie fehlt es einfach an Fläche. Die Arten aus verschiedenen Regionen mediterranen Klimas, wie es sie vergleichsweise kleinräumig in Chile, Kalifornien, Südafrika, Südwest- und Südaustralien und am großräumigsten im Mittelmeergebiet gibt, sind als Kalthauspflanzensammlung zusammengefasst. Da sich das Klima dieser Gebiete durch heiße trockene Sommer und kühle feuchte Winter ohne wesentliche Fröste auszeichnet, muss man die Pflanzen hierzulande vor allem gegen anhaltende und starke Winterfröste im Kaltgewächshaus schützen, könnte sie im Sommerhalbjahr dagegen auch im Freiland halten.
Der Botanische Garten Rostocks gehört zu den ältesten in Deutschland. Seit 1568 gibt es ihn – mit Unterbrechungen. Die Einrichtung zog vier Mal um bzw. wurde neu angelegt. Die ersten drei waren vorrangig Sammlungen von Medizinalpflanzen für die Ausbildung der Medizinstudenten, für die die Universität die Privatgrundstücke jeweils gepachtet hatte. Insofern waren es von Anfang an schon Gärten der Universität.

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