Jubiläum: Zehn Jahre kardiale Stammzelltherapie

Foto: Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie, Universität Rostock

Die beiden Pioniere Prof. Bodo-Eckehard Strauer und Prof. Gustav Steinhoff werfen einen Blick zurück

[ROSTOCK NACHRICHTEN, 08.09.2011] 2001 wagten zwei Ärzte, der Kardiologe Prof. Bodo-Eckehard Strauer aus Düsseldorf und der Herzchirurg Prof. Gustav Steinhoff aus Rostock, weltweit erstmals den Einsatz von adulten Stammzellen an herzkranken Patienten. Zum zehnjährigen Jubiläum verfassten sie zusammen einen Übersichtsartikel zur kardialen Stammzelltherapie im renommierten „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC), der am 6. September 2011 erschienen ist. Dieser zieht das Resümee, dass zwar diese kardiale Stammzelltherapie bis heute noch nicht allgemein zugelassen sei, aber auf dem Weg vom Labor zum Patienten die wichtigsten Schritte getan seien.
Die Idee klingt einfach – Stammzellen sind verantwortlich für Heilungsprozesse im menschlichen Körper. Da im Herzen aber davon zu wenige sind, muss man sie konzentriert ins Herz bringen, um Schäden, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt sowie bei chronischer Herzschwäche, heilen zu können. Nach Jahren der Forschung im Labor schien diese Idee 2001 soweit ausgereift, dass – unabhängig voneinander – zwei Herzspezialisten den Übergang in die Klinik für richtig hielten. Ein Unterfangen, so Prof. Steinhoff, Herzchirurg der Rostocker Uniklinik, das keineswegs risikofrei gewesen sei. Aber heute könnten sie sicher sagen, dass bisher in keiner klinischen Studie mit adulten Stammzellen am Herzen negative Nebenwirkungen beobachtet worden seien.

Foto: Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie, Universität Rostock

Foto: Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie, Universität Rostock

v.l.n.r.: Prof. Bodo-Eckehard Strauer und Prof. Gustav Steinhoff

Sicher sei die Therapie also, bei der dem Patienten aus dem Beckenkamm Knochenmark entnommen wird, dann die darin enthaltenen Stammzellen isoliert und konzentriert werden, um schließlich per Spritze direkt in den Herzmuskel oder per Katheter in die Herzkranzgefäße gebracht zu werden. Dort sollen die Zellen geschädigtes Herzgewebe wiederherstellen helfen. Im Vergleich zu etablierten Behandlungen eines Herzinfarkts, die lediglich Symptome mildern, würde die Stammzelltherapie tatsächlich eine Heilung bedeuten. Viele klinische Studien folgten den ersten Anwendungen, und brachten – wie so oft bei neuen Therapieverfahren in der Medizin – ganz unterschiedliche Resultate; von erstaunlichen Heilungserfolgen bis hin zu kaum nachweisbaren Ergebnissen. So konnte der Kardiologe Prof. Strauer in seinen Studien an insgesamt ca. 500 Patienten Funktionsverbesserungen des Herzens von vier bis 15 Prozent erreichen, sowie einen Gewinn an Lebensqualität und Lebensdauer für die Patienten. Auch der Herzchirurg Prof. Steinhoff konnte in seinen Studien bei 150 Herzoperationen Verbesserungen der Pumpfunktion von durchschnittlich acht Prozent erreichen. Wichtige klinische Faktoren, so sind sich die beiden Herzspezialisten einig, seien die Art der Erkrankung (akut – chronisch), der Schweregrad der Herzinsuffizienz, das Alter der Patienten, die Vorgehensweise bei der Herstellung der Stammzellen sowie auch der Anwendungsvorgang am Herzen selbst.
Zehn Jahre später sei immer noch nicht restlos geklärt, wie genau Stammzellen im Herzen wirken, und die Therapie wird im Wesentlichen an spezialisierten Kliniken angewendet. Aber keine Enttäuschung, betont Prof. Steinhoff, denn auch wenn die Forschung noch nicht alle Mechanismen aufgedeckt habe, wüssten sie heute viel mehr als vor zehn Jahren, z.B. dass es mehrere verschiedene Wirkmechanismen gebe, die über neu entdeckte Wachstumsfaktoren und die Aktivierung von Herzstammzellen wirkten. Insofern sei durch diese Therapie der Weg zum nachwachsenden Herzen aufgezeichnet.
Aber nicht nur die Zellbiologie ist sehr komplex, inzwischen sind es auch die gesetzlichen Bestimmungen, wenn man ein Arzneimittel dieser Art in Verkehr bringen will. Denn, wie für neue Medikamentenwirkstoffe, braucht man große klinische Studien und durchläuft ein aufwändiges Zulassungsverfahren. Für die Sicherheit des Patienten ist das natürlich zu begrüßen, niemand möchte eine ungeprüfte Therapie haben. Das Problem ist vielmehr, dass hinter Stammzelltherapien oder anderen regenerativen Therapien meist kein großer Pharmakonzern steht, der das alles bezahlt. Es sind Kliniken und kleine Biotechnologiefirmen, die die Entwicklung voranbringen. Die Kosten für eine große Studie gehen schon mal in die Millionen und, anders als für Grundlagenforschung, gibt es dafür wenig Forschungsmittel. Prof. Strauer gibt sich diesbezüglich zuversichtlich – wenn erst einmal mehrere große und doppelblinde Studien mit guten Ergebnissen abgeschlossen seien, werde das Interesse an Stammzelltherapien stark steigen. Dann werde auch die Finanzierung einfacher.
Eine dieser Studien läuft seit 2009 am Rostocker Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie, beteiligt sind auch die universitären Herzzentren in Berlin und Hannover, seit 2011 auch Bad Oeynhausen, Leipzig, Hamburg und Düsseldorf dabei. Bis 2013 soll die Studie abgeschlossen sein und an gut 140 Patienten gezeigt haben, dass die kardiale Stammzelltherapie objektiv die Herzfunktion verbessert.
Prof. Steinhoff ist klinischer Leiter dieser Studie und optimistisch – sie hofften, dass sie die Ergebnisse ihrer vorhergehenden Studien auch doppelblind wiederholen könnten, das sich also zeige, dass dort keineswegs ein Placebo-Effekt wirksam sei, sondern wirklich die Patienten-eigenen adulten Stammzellen Heilung brächten. Dann würden sie sich um die Beantragung der europäischen Zulassung bemühen, damit zukünftig allen Patienten mit Herzinsuffizienz eine Stammzelltherapie möglich werde.

Weitere Informationen zum Thema:

Referenz- und Translationszentrum für kardiale Stammzelltherapie
Universität Rostock

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